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Pfarrerin Anette Bill geht in den Ruhestand

Die Krankenhauspfarrerin Anette Bill bei ihrer Verabschiedung im Café des Erasmus-Alberus-Hauses bevor sie zum 01. MÀrz in den Ruhestand geht.

Ehemalige und aktuelle Wegbegleiterinnen sowie Pröpstin Dr. Anke Spory (3. von rechts) verabschieden Pfarrerin Anette Bill (3. von links) in den Ruhestand.

Anette Bill, "eine Pfarrerin ohne Kirchturm" war immer nah dran an Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, oft ohne christliche PrÀgung. Jetzt geht sie in den wohlverdienten Ruhestand. Fotos: Hortien

Ihr gesamtes Berufsleben widmete die Pfarrerin der seelsorgerischen Arbeit im sÀkularen Bereich, zuletzt als Krankenhausseelsorgerin im Hochwaldkrankenhaus in Bad Nauheim. Zum 1. MÀrz geht sie in den Ruhestand

BAD NAUHEIM. - „Ihre“ Gemeinde war fĂŒr Anette Bill mal eine Schulgemeinde, mal eine Krankenhausgemeinde – doch immer war es ihr wichtig, Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten.

Eine Pfarrerin ohne Kirchturm – so hat es Pröpstin Dr. Anke Spory bei der Verabschiedung von Pfarrerin Anette Bill ausgedrĂŒckt. DafĂŒr nah dran an Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, oft ohne christliche PrĂ€gung. „Ich war immer fĂŒr alle Menschen ansprechbar, egal ob sie einer Kirche angehörten oder nicht“, erzĂ€hlt die Seelsorgerin.

Nach dem Theologiestudium und dem Vikariat in Frankfurt fĂŒhrte ihr Weg zunĂ€chst in die Schulseelsorge, damals noch an der Berufsschule in Friedberg, spĂ€ter in Bad Nauheim. 16 Jahre lange begleitet Anette Bill die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler im Religionsunterricht, bei AusflĂŒgen und Projekten und in zwischenmenschlichen Situationen.

SpĂ€ter wechselte sie als Pfarrerin fĂŒr Arbeit und Soziales in die Jugendwerkstatt in Gießen. Dort ging es vor allem darum, „Menschen, die keinen guten Start ins Leben hatten, so frĂŒh wie möglich zu unterstĂŒtzen“, sagt sie.

2020, mitten im Lockdown, kam die Pfarrerin dann in die Klinikseelsorge am Hochwaldkrankenhaus im Evangelischen Dekanat Wetterau. Zum 1. MĂ€rz geht sie in den Ruhestand.

Die Arbeit im Krankenhaus hat viele Facetten: Patienten, die Heilung und Erleichterung erfahren. Eltern, die sich ĂŒber neues Leben freuen. Angehörige, die um ihre Lieben trauern, wo die Medizin an ihre Grenzen stĂ¶ĂŸt. Menschen, die sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

„Ich wusste nie, welche Geschichte mich hinter der TĂŒr erwartet, die ich öffne“, erklĂ€rt es die Seelsorgerin. „Ich habe viele beeindruckende Menschen kennengelernt und oft die Kraft des GesprĂ€chs erlebt.“ Doch nicht immer lĂ€sst sich mit Worten beschreiben, was im Krankenhaus passiert.

„Manchmal haben wir auch nur zusammen geschwiegen. Ich war da, um Schmerz und TrĂ€nen gemeinsam auszuhalten.“ Doch egal ob Trauer oder Freude geteilt wurden: „In vielen Situationen hatte ich das GefĂŒhl, dass beide Seiten bereichert aus den GesprĂ€chen gegangen sind.“

Dabei habe sie immer die Frage geleitet: Was möchtest du, dass ich fĂŒr dich tue? „Es war immer wieder schön zu erleben, wie viel Persönliches die Menschen mir anvertraut haben und wie schnell die GesprĂ€che tiefgrĂŒndig wurden.“

Oft, aber nicht immer ging es dabei auch um den Glauben. „Es hat mich fasziniert und beeindruckt, welche innere StĂ€rke die Patienten entwickelt haben, mit einer schweren Diagnose umzugehen, und wie sie nie aufgegeben haben.“

Anette Bill ist zudem freiberuflich als psychologische Beraterin, Supervisorin und Coach tÀtig. Die entsprechenden Zusatzausbildungen und Erfahrungen kamen ihr in ihrer Arbeit als Pfarrerin zugute.

Ebenso wie EinsÀtze beim Frauennotruf (als Spezialvikariat) und in der Telefonseelsorge. Zuletzt begleitete sie auch die Lucia-Gottesdienste der Frauenselbsthilfe Krebs in Bad Nauheim.

Auch an frĂŒhere Stationen und Projekte denkt sie gerne zurĂŒck: „Wir haben damals das Projekt ‚Schule mit Courage‘ gegrĂŒndet, das es heute noch gibt“, erzĂ€hlt sie.

Besonders waren auch Gottesdienste im Second-Hand-Kaufhaus der Jugendwerkstatt oder ein „Metal-Christmas“-Gottesdienst in der Metallwerkstatt. „Mein Beruf hat mich ĂŒber weite Strecken erfĂŒllt und oft beglĂŒckt“, lautet ihr Fazit.

Sie möchte auch in der nĂ€chsten Lebensphase aktiv bleiben und gleichzeitig freut sie sich auf mehr Zeit fĂŒr Familie und Freunde, fĂŒr Kunst und Kultur. Außerdem möchte sie noch viele Touren mit dem E-Bike durch Europa machen.

Hoffnung in schwierigen Zeiten

In der aktuellen Situation ist Bill davon bewegt, dass viele Menschen im Krankenhaus – aber nicht nur dort – Angst haben vor den aktuellen politischen Entwicklungen.

Der Pfarrerin ist es wichtig, sich nicht von der Angst lĂ€hmen lassen. „Die Zeit ist reif, dass wir uns zusammentun mit allen gesellschaftlichen KrĂ€ften, die sich fĂŒr das Gemeinwohl, die Menschenrechte, fĂŒr Freiheit und Gleichheit, fĂŒr Demokratie und fĂŒr Friedensprozesse einsetzen.

NĂ€chstenliebe braucht Klarheit. Rechtsextremismus und christlicher Glaube sind unvereinbar, denn Gott hat alle Menschen gleich geschaffen.“ Die altbekannten christlichen Überzeugungen seien wahrer denn je. Jeder und jede könne, egal ob mit der Weitsicht des Alters oder der Schaffenskraft der Jugend, am eigenen Ort Gutes bewirken.

Dabei vertraut sie in die Zukunft und in die junge Generation. „Sie sind kreativ und klug, wollen nicht alles so weiter machen. Sie bringen uns bei, dass wir einfacher leben können. Es ist nicht alles einfach, aber sie werden Lösungen finden fĂŒr die Zukunft.“

Anette Bill wĂŒnscht sich, dass wir hoffnungsfroh bleiben. Dabei vertraue sie darauf, dass auch in Zukunft immer wieder unvorhersehbar Gutes geschieht, dass Gott Wege findet, das zu vollenden, was wir nicht allein schaffen.