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Warnung an Politik: „Wer schlecht wohnt, fĂŒhlt sich schlecht regiert“

Es fehlen Seniorenwohnungen. Der Baustoff-Fachhandel warnt: „Wer schlecht wohnt, fĂŒhlt sich schlecht regiert. Der Wohnungsbau gehört schon deshalb ganz oben auf die ‚schwarz-rote To-do-Liste‘ der neuen Bundesregierung. Allen voran: mehr Sozialwohnungen, mehr bezahlbare Wohnungen und vor allem auch mehr Seniorenwohnungen“, so BDB-VerbandsprĂ€sidentin Katharina Metzger. Foto: Tobias Seifert

Wenn Rollator auf Treppe trifft: Der Wetteraukreis braucht mehr Seniorenwohnungen. Ein Job, auf den Bauarbeiter warten. Aber die Politik muss es wollen: Die CDU und die SPD im Wetteraukreis sollen dieses ‚SOS-Notsignal fĂŒrs Wohnen‘ jetzt nach Berlin funken. Foto: Nils F. Hillebrand

Pestel-Institut legt Untersuchung zum Senioren-Wohnen im Wetteraukreis vor: „Wetteraukreis rast mit 100 Sachen auf die graue Wohnungsnot zu: 2045 werden 17.200 Seniorenwohnungen gebraucht“

WETTERAUKREIS / FRIEDBERG. - Der Wetteraukreis kommt in die Jahre – und ist auf das Wohnen der Ă€lteren Menschen nicht vorbereitet: Die Baby-Boomer gehen bis 2035 komplett in Rente.

Dann werden im Wetteraukreis rund 15.500 Menschen mehr im Ruhestand sein als heute – insgesamt nĂ€mlich rund 80.300. Das geht aus einer Regional-Untersuchung zum Senioren-Wohnen hervor, die das Pestel-Institut gemacht hat.

Die Wissenschaftler warnen dabei: „Der Wohnungsmarkt im Wetteraukreis ist mit der neuen Rentnergeneration der geburtenstarken JahrgĂ€nge komplett ĂŒberfordert. Es fehlen Seniorenwohnungen“, sagt Matthias GĂŒnther vom Pestel-Institut.

Schon jetzt gebe es einen massiven Mangel an altersgerechten Wohnungen. „Das wird sich in den nĂ€chsten Jahren allerdings noch enorm verschlimmern. Oder anders gesagt: Der Wetteraukreis rast mit 100 Sachen auf die graue Wohnungsnot zu“, so Matthias GĂŒnther.

Der Leiter des Pestel-Instituts nennt dazu konkrete Zahlen: So gibt es aktuell rund 140.400 Haushalte im Wetteraukreis. In 35 Prozent davon leben Senioren.

„Bereits heute braucht der Wetteraukreis rund 11.300 Wohnungen fĂŒr die Ă€lteren Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Doch diese Seniorenwohnungen gibt der Wohnungsmarkt im Wetteraukreis bei weitem nicht her“, sagt Matthias GĂŒnther.

Und fĂŒr 2045 ermittelt die Untersuchung bei den benötigten Seniorenwohnungen sogar einen deutlichen Anstieg: So wird der Wetteraukreis in zwanzig Jahren fĂŒr rund 17.200 Seniorenhaushalte Wohnungen brauchen, die zum Leben im Alter passen.

Eigentlich sei der Bedarf sogar noch höher, so das Pestel-Institut. „Denn ein Großteil der altersgerechten Wohnungen wird noch nicht einmal von Älteren bewohnt.

Oft nutzen nĂ€mlich auch Familien den Komfort einer Wohnung ohne Schwellen, mit breiten TĂŒren, Fluren und RĂ€umen. Denn wo das Leben mit einem Rollator klappt, da kommt man auch mit einem Kinderwagen klar“, sagt Matthias GĂŒnther.

Neben dem Neubau sei deshalb vor allem eine Sanierungsoffensive notwendig, um fĂŒr mehr seniorengerechte Wohnungen im Wetteraukreis zu sorgen. „Doch die ist bislang nicht in Sicht: Das Fatale ist, dass wir dazu politisch nur eine Vogel-Strauß-Taktik erleben.

Statt mit einem effektiven Programm fĂŒrs Senioren-Wohnen das Problem anzupacken, hat vor allem der Bund den Kopf in den Sand gesteckt und die graue Wohnungsnot seit Jahren ignoriert“, sagt GĂŒnther.

Das mĂŒsse sich jetzt dringend Ă€ndern, fordert Katharina Metzger. Sie ist PrĂ€sidentin des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), der die Regional-Untersuchung zum Senioren-Wohnen beim Pestel-Institut in Auftrag gegeben hat.

An die Adresse der Bundestagsabgeordneten von CDU und SPD aus Hessen richtet Katharina Metzger einen eindringlichen Appell: „Das Wohnen muss bei den Koalitionsverhandlungen ein absoluter Schwerpunkt sein.

Der Wohnungsbau braucht einen gewaltigen Schub. Es ist wichtig, dass die CDU und die SPD im Wetteraukreis dieses ‚SOS-Notsignal fĂŒrs Wohnen‘ deutlich nach Berlin funken.“

Eine kĂŒnftige schwarz-rote Bundesregierung mĂŒsse den Wohnungsbau als Motor fĂŒr die Binnenkonjunktur entdecken und nutzen:

„Es geht um mehr Seniorenwohnungen, die durch Neubau und Sanierung entstehen mĂŒssen – auch im Wetteraukreis. Außerdem um mehr bezahlbare Wohnungen und um mehr Sozialwohnungen“, so die PrĂ€sidentin des Baustoff-Fachhandels.

Die neue Bundesregierung mĂŒsse die Brisanz, die die Wohnungsnot habe, dringend erkennen: „Wer schlecht wohnt, fĂŒhlt sich schlecht regiert.

Wer eine horrende Miete zahlen muss oder erst gar keine Wohnung findet, die er noch irgendwie bezahlen kann, bei dem wĂ€chst Frust. Das alles ist sozialer und letztlich auch demokratischer Sprengstoff“, warnt Katharina Metzer.

Der Bund habe den Neubau von Wohnungen zu wenig und außerdem auch noch falsch gefördert: „Statt wenige GebĂ€ude mit ĂŒbertriebener Klimaschutztechnik zu fördern, muss der Bund kĂŒnftig deutlich mehr Geld fĂŒr mehr Wohnungen in die Hand nehmen, die dann auch barrierearm sein mĂŒssen.

Was er bislang in das Senioren-Wohnen investiert hat, ist nicht mehr als der Tropfen auf dem heißen Stein“, so Metzger.

Gemeinsam mit den Wissenschaftlern vom Pestel-Institut warnt der Baustoff-Fachhandel eine von Friedrich Merz gefĂŒhrte Bundesregierung davor, beim Wohnungsbau die politische „Weiter-so-Taste“ zu drĂŒcken:

„Wenn sich die Wohnungsbau-Krise weiter zuspitzt, wird das auch im Wetteraukreis einen erheblichen Verlust von ArbeitsplĂ€tzen auf dem Bau bedeuten.

Dabei geht es um die Jobs von Bauarbeitern, die im Wetteraukreis dringend gebraucht werden – fĂŒr den Neubau und fĂŒr das Sanieren von Wohnungen“, sagt Matthias GĂŒnther.

Der Chef-Ökonom des Pestel-Instituts hat bei einer Sanierungsoffensive fĂŒr mehr altengerechte Wohnungen vor allem auch die rund 32.900 Haushalte im Wetteraukreis im Blick, wo Senioren in den eigenen vier WĂ€nden wohnen:

„Ob Eigenheim, Reihenhaus oder Eigentumswohnung – es ist wichtig, Ă€lteren Menschen fĂŒr ihr Wohneigentum rechtzeitig einen Anreiz zu geben, ihr eigenes Zuhause seniorengerecht umzubauen. Dabei ist das Bad das A und O.“ Das Wichtigste seien große BĂ€der mit einer Dusche ohne Schwellen und Stufen.

Bei Senioren, die zur Miete wohnen, warnt das Pestel-Institut vor Altersarmut: „Bei vielen Baby-Boomern gab es immer wieder Phasen von Arbeitslosigkeit. Außerdem waren die geburtenstarken JahrgĂ€nge die, die oft zum Niedriglohn gearbeitet haben.

Also gehen viele der Baby-Boomer mit einer eher kleinen Rente nach Hause. Ihre Miete können sie sich damit nicht mehr leisten – sie wird zur ‚K.o.-Miete‘.

In Zukunft werden also deutlich mehr Menschen als heute im Wetteraukreis auf staatliche UnterstĂŒtzung angewiesen sein, um ĂŒberhaupt ein Dach ĂŒber dem Kopf zu haben“, so die Prognose von Pestel-Institutsleiter GĂŒnther.

Die Untersuchung nimmt auch das Mieter-Portemonnaie der Senioren ins Visier: So liegt die durchschnittliche Kaltmiete im Wetteraukreis aktuell bei rund 7,70 Euro pro Quadratmeter WohnflĂ€che. 66 Prozent der Seniorenhaushalte, die zur Miete wohnen, leben sogar gĂŒnstiger:

Rund 8.100 Haushalte im Wetteraukreis, in denen Ältere leben, zahlen nach Angaben des Pestel-Instituts derzeit weniger als die Durchschnittsmiete.

„Noch jedenfalls“, sagt Ökonom Matthias GĂŒnther. Denn das werde sich deutlich Ă€ndern, wenn der Staat nicht bereit sei, den Neubau von Seniorenwohnungen und den altersgerechten Umbau bestehender Wohnungen krĂ€ftig zu unterstĂŒtzen.

Dabei warnt der Wissenschaftler: „Eine Wohnung altersgerecht zu machen, kostet Geld und schraubt die Miete nach oben. Aber eine höhere Miete können sich viele Ältere einfach nicht leisten. Und erst recht nicht die Kosten fĂŒr eine seniorengerechte Sanierung ihrer Wohnung.“

Dabei sei es fĂŒr die öffentlichen Kassen in der Regel sogar deutlich gĂŒnstiger, altersgerechten Wohnraum zu schaffen: „Andernfalls sind Ältere nĂ€mlich gezwungen, ins Heim zu gehen.

Und die Kosten fĂŒr einen Heimplatz stehen auf Dauer in keinem VerhĂ€ltnis zu dem, was der Staat investieren mĂŒsste, um eine altersgerechte Wohnung zu schaffen“, so Pestel-Institutsleiter Matthias GĂŒnther.